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Buchvernissage:  Rede von Franziska Rogger, 26. März 2015, im Bernischen Historischen Museum.

Liebe Anwesende!
Das Buch, das wir heute feiern, will den Schweizerinnen ihre Geschichte geben. Es gibt viele Geschichten der Schweiz bzw. Geschichten der Schweizer, aber keine wirkliche Geschichte der Schweizerinnen. Sogar die kürzlich heiss diskutierte Fernseh-Serie berühmter Schweizer entgleiste deswegen. Die Schweizerinnen aber haben eine eigenständige, in sich selbst fortlaufende und auf sich selbst beziehende weibliche Geschichte. Nur ist sie, auch 40 Jahre nach Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts, noch nie als Gesamtwerk geschrieben worden.  
Vom Clanmitglied zur individualisierten Persönlichkeit
Das Buch „Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte“ zeigt Frauen vom 18. Jahrhundert an. Es zeigt die Frauen als Mitglieder eines wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Familienverbundes. Es beschreibt dann die Wandlung der Schweizerin vom Mitglied dieses festgefügten FamilienKMUs zur individuellen Persönlichkeit. Auf dem Weg zur Individualsierung sollte unter anderem die technisch-medizinische Erfindung der Anti-Baby-Pille wichtig werden, die eine selbst bestimmte, individualisierte Lebensplanung ausserhalb der Grossfamilie wirklich ermöglichte. Und gegengleich wird die Entwicklung des Schweizers aufgezeichnet, der lange durch Sitte und Gesetz verpflichtet war, das Oberhaupt zu markieren, Finanzen und Sicherheit zu gewährleisten – kurz: den Staat zu bilden. Die Diskriminierung der Frauen wird nicht mit der Bosheit der Männer erklärt, sondern mit dem Umstand, dass ein Zustand zu lange zementiert wurde, obwohl er keine Berechtigung mehr hatte. Und so zur Ungerechtigkeit gegenüber den Frauen gedieh – und wohl auch zum Schaden der Männer. Darin besteht die eigentliche Diskriminierung, die inzwischen in allen Schattierungen moralisierend beschrieben, aber kaum je sachlich hinterfragt, begrifflich gefasst und an einem Beispiel lebensnah nachgezeichnet wurde.  
Die alten Prägungen
Die alten Prägungen wirkten und wirken weiter. Die Individualisierung ist heute nicht abgeschlossen, nur Männer zahlen Militärdienstersatzleistungen, vornehmlich  Frauen haben Mühe, sich als wirtschaftlich vollwertiges und vollpflichtiges Individuum zu begreifen. Das hat Konsequenzen, zum Beispiel bei der Lohngleichheit. Dabei scheint es mir auch wichtig zu erkennen, wie weit männliches Denken das weibliche Sehnen und Trachten dominiert. NUR ein Beispiel: Wieso werden Frauenquoten in den Chefetagen gefordert, wieso also wird an den Frauen herumgedoktert, damit sie sich bewegen. Wieso wird nicht verlangt, dass eine Institution nicht mindestens 20 Prozent Teilzeit arbeitende, weil Kinder verpflichtete Männer beschäftigt?  
Verschiedene Wahrheiten von verschiedenen Seiten
Sie merken, dass ich in meinem Buch versuchte, Wahrheiten von verschiedenen Seiten anzupeilen und sie zu umkreisen. Ich schaue möglichst mit den Augen der Männer und der Frauen, der Unteren und der Oberen, der verschiedensten Gruppen. Ich versuche, nicht die einen gegen die andern auszuspielen, sondern zu ergründen, wer, was, wieso denkt und macht.   Das Buch bietet auch als Beispiel die individuelle Lebensgeschichte der Stimmrechtlerin Marthe Gosteli. Ihr Frauenleben ist in die Zeit eingebettet, zeigt dabei lebensnah verschiedenste weibliche Schicksale und Überzeugungen, selbst internationale Einflüsse und welthistorische Ereignisse. Dabei geht es nicht nur um Politik. Es geht auch um wirtschaftliche Belange und wie schwierig es vornehmlich für die nicht eingeübten Frauen war, sich hier bewähren zu müssen.  
Langjährige Kampf für die weiblichen Wahl- und Abstimmungsrechte
Ein zentrales Thema in der Geschichte der Schweizer Frauen ist der langjährige Kampf um die weiblichen Wahl- und Abstimmungsrechte. Diesen Aspekt greift das Buch prominent heraus. Nachdem die bürgerlichen Männer den Adeligen ihre Rechte abgetrotzt hatten, wäre eine neue Erweiterung auf die Frauen plausibel gewesen. Doch mit der weiblichen Wahlberechtigung harzte es, wie wir wissen. Die Frauen erbaten sich erst mit Bittschriften diese Rechte. Interessant dabei ist, dass ihnen ihre wirtschaftliche Handlungsfreiheit mindestens ebenso wichtig war wie die politische. Ein schönes Beispiel für eine solche Bittschrift boten die Rüderswilerinnen. Sie stellten schon 1847 die Frage, ob Frauen auch Menschen seien.
Vom regionalen Bitten zum nationalen Zusammenschluss
Als dieses vereinzelte und regionale Bitten wenig fruchtete, forcierten die Schweizerinnen den Zusammenschluss, um alle Energien und Ressourcen auf einen einheitlich geführten Kampf um Frauenrechte bündeln und konzentrieren zu können. Um mit EINER Stimme auftreten zu können. Mehrere Dachverbände entstanden, der politisch nachhaltigste war der Bund Schweizer Frauen, heute die alliance F. Der BSF wollte alle Bürgerinnen, alle Burgerinnen und alle Arbeiterinnen zusammenfassen. Diese Bewegung war nicht gänzlich erfolglos. Zum einen zementierten sie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Schweizerinnen. Zum andern stellten sie eine Nebenschweiz auf die Beine, die zu allen Problemen, Sorgen und Geschäften eine weibliche Meinung bildete und kundtat, soweit dies überhaupt im männlichen Staat möglich war. Und nota bene auch eine Menge weiblicher Akten und Materialien lieferte. Zum dritten konzentrierten der BSF die politischen Aktionen.  
Von den Bittschriften zu Petitionen und Initiativen   .....
Die organisierten Frauen versuchten nach dem Zeitalter der Bittschriften, mit Unterschriftensammlungen, d.h. mit Petitionen und Initiativen, politische Bewegung zu entfachen. Sie kämpften hart, leidend, ausdauernd – aber friedlich. Das Revolutionäre war ihnen nicht die männlich-heroische Pose, sondern die jahrzehntelange, nie nachlassende Zähigkeit. Sie agierten nach dem Motto von David Lloyd George: «Der Beweis von Heldentum liegt nicht im Gewinnen einer Schlacht, sondern im Ertragen einer Niederlage.» Da waren die Schweizer Frauen in ihrer «kollektiven Opferbereitschaft» wahrlich grossartige Meisterinnen. Wie nun ein solches Sammeln von Unterschriften ausgesehen hat, werden wir am Beispiel der Petition von 1929 sehen. Einsteins Sohn Eduard nämlich berichtete darüber in einem Brief an seinen Vater.  
..... zu erpresserischen Forderungen .....
Nachem Petitionen und Initiativen im Endeffekt nicht das gewünschte Resultat lieferten, erkannten die Schweizerinnen allerdings bald, dass sie einen Hebel brauchten, um die Männerphalanx auszuhebeln. Sie brauchten ein Brecheisen, das sie zum Knacken der festgefügten Männerprägungen benutzen konnten, sie brauchten etwas, mit dem sie die Männer erpressen konnten. Der Tenor musste sein: Wenn ihr uns kein Frauenstimm- und wahlrecht gebt, dann helfen wir bei diesem oder jenem nicht mit. Gelegenheit bot sich etwa im 2. Weltkrieg, während dem die Frauen in Vorausleistungen dem Vaterland dienten. Doch zögerten die bürgerlichen wie die sozialdemokratischen Frauen. Der Schuss konnte hinten hinaus gehen. Eine Verfassungsrevision wurde nämlich von den Ultrarechten verlangt. Und hier aufzuspringen wäre fatal gewesen. Es nützte schliesslich nichts, in faschistischen oder nationalsozialistischen Diktaturen den Männern gleichgestellt zu sein, wenn dies eine Gleichstellung in der vollständigen Entrechtung bedeutet hätte. Zudem kamen in der Schweiz nach dem 1. wie nach dem 2. Weltkrieg die meisten Männer vom Militäreinsatz zurück. Es gab kein Machtvakuum, das es auszufüllen galt, wie dies in vielen andern europäischen Ländern nach den Weltkriegen der Fall war. Zudem wollten nach dem Kriegsschrecken fast alle in die gute alte Zeit zurück. 
1959 noch erfolglose Erpressung: Kein obligatorischer Zivildienst ohne Frauenstimm- und -wahlrecht
Eine Möglichkeit, Druck auszuüben, eröffnete sich in den 1950er Jahren mitten im Kalten Krieg und die organisierten Schweizerinnen ergriffen sie mit beiden Händen. In der Ungarnkrise von 1956 nämlich zog Bundesbern die totale Landesverteidigung in Betracht und dachte daran, auch für die Frauen eine obligatorische Hauswehrpflicht festzuschreiben. Die Frauen betrachteten es als klaren Affront, dass man sie in den vaterländischen Pflichten als gleichberechtigt betrachtete, nicht aber in den Rechten. „Ohne uns!“ lautete die Parole. Im Klartext hiess dies, dass die Frauen keine Pflichten ohne Rechte übernehmen würden und dass eine Frauenstimmrechtsvorlage auf den Tisch musste. Der Bundesrat wurde wütend und meinte missbilligend, die Frauen «wollten etwas durchzwängen auf Kosten der Sicherheit des Landes». Tatsächlich zwang der Widerstand der Frauen den Bundesrat «wegen der Verwerfung des Zivilschutzes die Einführung des Frauenstimmrechts vorzuschlagen». So kam die 1959-Abstimmung zustande. Mit der Taktik der Verweigerung hatten die Frauen eine erste nationale Stimmrechtsvorlage erzwungen.   Federführend auf Frauenseite war bei der 1959er Abstimmung die Berner Sozialdemokratin Marie Boehlen. Sie stand an der Spitze der Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau. Dieses Gremium muss man sich vorstellen wie etwa den Bundesrat auf männlicher Seite. Es war eine Art Exekutivgremium, das die weiblichen Dachverbände koordinierte, die ihrerseits wieder Tausende von Frauengruppen zusammenfassten. 1959 stimmten die Männer zwar noch gegen das allgemeine Erwachsenenstimmrecht, doch die Frauen waren nun, was die Taktik betraf, auf Kurs.  
Ende der 1950er Jahre haben Schweizerinnen auch versucht, sich einfach das Recht auf den Urnengang zu nehmen und es gab etliche Konsultativabstimmungen. Hinter diesen Urnengängen stand eine über Jahrzehnte leidenschaftlich und heftig diskutierte These. Diese Theorie ging davon aus, dass Artikel 4 der Bundesverfassung einfach neu interpretiert werden könnte. Das Bundesgericht sollte doch einfach festhalten, dass im Satz «Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich.» die Schweizerinnen mitgemeint seien. Am prägnantesten formulierte diese Haltung später der Schweizerische Gewerkschaftsbund, der dem Bundesrat «die verbindliche Weisung» zukommen liess, ohne Verzug das Frauenstimmrecht «durch authentische Interpretation» einzuführen.  Wie heftig auch innerhalb der Frauenschaft gestritten wurde, das zeigt ihnen ein Streit zwischen Marie Boehlen und Iris von Roten.
Die Rechtsgelehrten, damalige wie heutige und selbst die Frauenstimmrechtsbefürworter unter ihnen, erklärten stets unisono, dass eine solche Uminterpretation unmöglich sei. Um es kurz zu machen: das Frauenstimmrecht wurde NICHT mit dem Machtspruch einer Verfassungs-Uminterpretation durch das Bundesgericht entschieden. Es brauchte den Urnengang der Männer und so kann kein Schweizer behaupten, er sei eigentlich auf dem Stimmrechtsfelde unbesiegt. Die Frauen wurden auf ihre Petitionen und Intiativen zurückgeworfen.
1971 erfolgreiche Erpressung: Keine Unterzeichnung der Menschenrechtskonvention ohne Frauenrechte
Die Taktik, die die von links bis rechts einmütig zusammengefassten Schweizerinnen  auf ihren eigenen Erfahrungen herausdestilliert und aufbauend ausgetüftelt hatten, die Taktik der Verweigerung nämlich, fand endlich den entscheidenden Hebel in der Frage nach der Unterzeichnung der Menschenrechtskonvention. Die Männer wollten die Konvention unterschreiben. Sie wollten sich nicht in eine Reihe von brutalen Diktatoren, von Terrorchefs und von folternden Despoten gestellt sehen, welche die Menschenrechte mit Füssen traten. Doch die Unterschrift unter die Konvention war u.a. an die Bedingung geknüpft, dass Frauen und Männer gleich viel oder gleichwenig Rechte hatten. Und das war eben in der Schweiz nicht der Fall. Wie vor der Abstimmung um die obligatorische Hauswehrpflicht erklärten die organisierten Schweizerinnen: Nicht mit uns!  Und das Brecheisen wurde angesetzt. Die Schweizerinnen blieben „pickelhart“ mit der Forderung: Ihr Männer gebt uns das Stimm- und -wahlrecht, dann dürft ihr die Konvention unterzeichnen. Die alte Frage der Rüderswilerinnen von 1847, ob Frauen auch Menschen seien, wurde heftig bejaht: Menschenrechte ohne Frauenrechte gibt es nicht.  
Für die politisierenden Schweizerinnen hiess das folgendes: der Bundesrat musste daran GEHINDERT werden, die Konvention MIT Vorbehalten zu unterzeichnen. Er musste daran gehindert werden, Menschenrechte ohne Frauenrechte zu akzeptieren. Eine Unterschrift mit Vorbehalt hätte nämlich den Frauen das erpresserische Brecheisen aus der Hand geschlagen und es wäre wieder völlig offen gewesen ob und vor allem wann endlich wieder eine Volksabstimmung darüber zustande kommen würde.  
Dass die Frauen sich verweigerten, stiess nicht bei allen Männern auf Gegenliebe. Vornehmlich auch die sozialdemokratischen Männer, noch immer in ihren Interpretationshoffnungen verstrickt, gossen Hohn und Spott über ihre Parteigenossinnen und die bürgerlichen Frauen.
Um den Bundesrat an der Unterschrift zu hindern, musste wiederum zuerst auf National- und Ständeräte eingeredet werden, damit sie die Vorlage in ihren Räten nicht durchwinkten. Taten sie das NICHT, so hatte frau gewonnen, denn der Bundesrat wollte die Konvention nicht ohne grossen Rückhalt in der Bundesversammlung unterzeichnen. Die Schweizerinnen bearbeiteten nun in offenen, geheimen und vertraulichen Gesprächen die Mitglieder der Bundesversammlung. Presseauftritte und Hintergrundgespräche wurden wieder von der Arbeitsgemeinschaft koordiniert. Diese Mal war die Bernerin und spätere BGB-Frau Marthe Gosteli an ihrer Spitze. Die gewählte Taktik sollte um Haaresbreite aufgehen. Die Bundesversammlung gab dem Bundesrat formell KEIN grünes Licht für eine Unterzeichnung. Das bewog den Bundesrat, schleunigst eine Volksabstimmung über das Frauenstimm- und -wahlrecht vorzulegen. Zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft der Frauen wurden die dazu nötigen Schritte, wie etwa die Terminfrage, erarbeitet. Ziel: Möglichst schnell zum Erwachsenenstimmrecht und damit zur Unterzeichnung der Menschenrechtskonvention zu kommen. Das alles geschah im Hintergrund. Und zeitlich gesehen VOR dem medienwirksamen Marsch auf Bern.  
Kampf hinter und vor politischen Kulissen
Für die Kulisse bzw. für die Selbstmotivation bzw. für die Publicity wurden ganze Kaskaden von Aktionen vorgeschlagen, um die Frauenverweigerung sichtbar zu machen. Um zu verstehen, was die Frauen bei der Festlegung ihrer Protestform bewegte, muss man mindestens drei Gruppen unterscheiden, von denen sie noch in der Zitatenlese hören werden. Man darf also nicht wie gewohnt auf der gängigen, viel zu kurz greifenden Schablone mit dem Widerspruch zwischen alter und neuer Frauenbewegung verharren.
Zitat: 1. März 1969 Keine Menschenrechte ohne Frauenrechte
1. Die Befürworterinnen einer Uminterpretation waren die Trägerinnen eines Marsches vom 1. März 1969, der auf dem Bundesplatz viel mediales Aufsehen erregte. Sie konnten auf eine einigermassen kämpferische Gangart pochen. Die paar Bundesrichter, nahm man an, würden sich doch nicht von einer allenfalls aus dem Ruder gelaufenen Demo beirren lassen.  
2. Die sogenannt neue Linke bzw. die Frauenbefreiungsbewegung FBB hatte den gesellschaftlichen Umsturz vor Augen. «Nur in einer sozialistischen Gesellschaft, welche die Ausbeutung von Menschen durch Menschen abgeschafft hat, lässt sich die Emanzipation aller Menschen verwirklichen“, erklärten sie in ihrem Manifest. Sie hoben mit Che Guevara einen Kultmann und nicht etwa eine Kultfrau auf den Schild. Sie unterstützten den Marsch nach Bern NICHT. Er war ihnen in seiner Legalität zu zahm.  
3. Die Kämpinnen der Arbeitsgemeinschaft um Marthe Gosteli setzten weder auf ein kommunistisches Paradies noch auf einen juristischen Machtspruch. Sie fokussierten auf das nationale Nadelöhr Abstimmung, auf die Mannen des Souveräns also. Sie agierten deshalb sehr vorsichtig, wollten sie doch die Erfolge ihrer diplomatischen Hintergrundarbeit nicht verspielen und sammelten sich im Berner Kursaal zu einem Kongress. Kein einziger Stimmbürger durfte vergrault werden. Schliesslich stand nicht nur das Volksmehr zur Debatte, sondern trickreicher, das Ständemehr! Damals hatten erst 8 der 12 benötigten Kantone das kantonale Recht eingeführt und in ländlichen Gegenden, die weniger als die Grosstädte vom wirtschaftlichen Wandel profitiert hatten, herrschte Misstrauen: «Sexwelle / Rauschgiftwelle / Frauenstimmrechtswelle / bedeutet das wirklicher Fortschritt? fragte man sich im Appenzellerland und forderte: Männer stimmt NEIN».  
Wie wir wissen, sagte der männliche Souverän 1971 tatsächlich Ja zum Frauenstimmrecht. Selbst einige Appenzeller hatten Wandlungen durchgemacht.
Frau darf sagen: die über Jahrzehnte gereifte Verweigerungs-Taktik der Schweizerinnen trug an der Urne endlich ihre Früchte.  
Erfolg, aber in Geschichtsbüchern totgeschwiegen
Wieso ist über diese Taktik, über die auf Erfahrungen der Vorfahrinnen beruhende Geschichte nichts in den universitär-wissenschaftlichen Geschichtsbüchern zu lesen, auch nichts in den allerneusten, 2014 herausgekommenen Büchern? Wie kommt es, dass über die Arbeit vor den Kulissen mehr geschrieben wird als über die letztlich erfolgreichen Bemühungen hinter den Kulissen? Wie kommt es, dass hier Interpretationistinnen und die plötzlich auftretende Neue Linke als erfolgreichste Stimmrechtlerinnen präsentiert werden? Nun, als vor Jahren eine Doktorarbeit den Stimmechtskampf beschrieb, stützte sie sich auf eine einzige Quelle. Zudem suchte sie mit Enthusiasmus die sogenannt neue Frauenbewegung gut aussehen zu lassen. Da die meisten Uni-Historikerinnen leider abschreiben statt forschen, stützten sich nachfolgende Geschichtenschreiberinnen und -schreiber bis heute auf diesen alten Text. Und ihre Aussagen wabern heute auf Deutsch, Französisch und Englisch durch die Frauengeschichtsliteratur. Die Hauptquellen, die Materialien der 1959 und 1971 Feder führenden Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau hingegen wurden nie eines Blickes gewürdigt. Wieso ist es sträflich, dass diese Hauptquelle von der universitären Geschichtsschreibung nicht erfragt, gefunden und beachtet wurde? Nun, es geht hier nicht um die Eitelkeit der übergangenen «alten» Frauenbewegten. Es geht nicht einmal nur um die Gerechtigkeit, dass nicht die Siegerinnen geehrt wurden, die auf die Urne setzten, sondern auf die Verliererinnen, die auf einen Bundesgerichtsbeschluss bzw. eine Revolution setzten. Es geht hier aber auch nicht darum, die sogenannt neue Frauenbewegung klein zu reden. Das möchte ich mit aller Deutlichkeit sagen. Sie hat einiges geleistet, aber sicher nicht im Frauenstimmrechtskampf gesiegt.
Es gibt sie, die Geschichte der Schweizerinnen
Das Beiseiteschieben der feministischen Hauptquelle ist ein Verbrechen, weil damit die eigentliche Geschichte der Schweizerinnen unterschlagen wird. Mit dem Postulieren einer neu auftauchenden, alles entscheidenden eruptiven Kraft aus dem helvetischen Nichts, also der NEUEN Frauenbewegung, werden all die vorausgegangenen Bemühungen als unwesentlich oder inexistent benotet. Und so wird eine eigenständige, in sich selbst fortlaufende, auf sich selbst beziehende und auf sich selbst zurückgreifende Geschichte der Schweizerinnen schlicht demontiert. Ohne eine Geschichte der Schweizerinnen aber gibt es auch kein stolzes, weibliches Selbstbewusstsein. Die Helvetierinnen versinken entweder in einem Dunst von Unwissenheit oder in einem Sumpf von Niederlagen. Das Misserfolgsnarrativ ist als Programm kreiert.  
Es gibt sie aber, die Geschichte der Schweizerinnen. Und es gibt auch eigenständige schweizerische weibliche Quellen. Das ist nicht selbstverständlich. Die staatlichen Archive haben – nicht aus Boshaftigkeit, sondern systemgebunden – nur staatliche Erzeugnisse gesammelt. Da die Frauen politisch nicht in den Staat eingebunden waren, blieben sie auch hier aussen vor, sie waren schlicht nicht existent. Mit den weiblichen Akten wäre auch die Geschichte der Frauen vernichtet worden, wenn nicht ... Ja, wenn nicht Marthe Gosteli sich des Verlustes geschichtsbildender Materialien schon sehr früh bewusst geworden wäre und weibliche Zeugnisse gerettet hätte. Und DAS ist die eigentliche Bedeutung dieser Frau, sie hat mit den Papieren und mit ihrem privaten Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung die Geschichte der Schweizerinnen gerettet. Dass diese Materialien dann nicht in die Geschichtsschreibung eingearbeitet wurden, das verschtrupfte die Gosteli verständlicherweise beinahe. Fortan muss darauf bestanden werden, dass in jedes Buch nicht nur Quellen der Männer, sondern auch Quellen der Frauen eingearbeitet werden, um den Begriff Schweizerische Geschichte zu rechtfertigen. Wenn Sie das nächste Mal ein Geschichtsbuch aufschlagen, vergewissern Sie sich, ob es wirklich auch Quellen aus der weiblichen Welt eingearbeitet hat.  
Zum ersten Mal kann ich heute EINE  – nicht DIE – Geschichte der Schweizerinnen präsentieren, welche keineswegs vergass, männliche Sichtweisen mit einzubeziehen. Es ist ein Buch, das AUCH die Hauptquellen der Schweizerinnen mit einbezog. Wie sehr das den Nerv der Zeit bzw. der Geschichtsschreibung bzw einiger Männer trifft, können Sie am entsetzten Aufschrei des männlichen Rezensenten in der NZZ vom 24. März 2015 nachlesen.